OB-Besuch bei Dreier & Horstmann

Osnabrücker Traditionsunternehmen kämpft um die Existenz

Von Henrike Laing

.Leider kein Kunde, denn der dürfte im Moment nicht bei Dreier & Horstmann im Laden stehen. Trotzdem freuen sich Kerstin, Ansgar und Olaf Horstmann über den Besuch von Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert, der sich aus erster Hand über die Sorgen und Nöte der Einzelhändler informieren will.

Osnabrück. Wolfgang Grieserts hat das Osnabrücker Modegeschäft Dreier & Horstmann besucht und sich dabei aus erster Hand über die Sorgen und Nöte von Einzelhändlern informiert, deren Läden wegen Corona noch immer geschlossen bleiben müssen. Das Treffen ist nicht der erste Austausch beider Seiten: In einem Brief an den OB hatte Kerstin Horstmann bereits auf die ernste Lage aufmerksam gemacht, in der sich das Geschäft weiterhin befindet.

Über viele Jahre wurde akribisch gewirtschaftet, mehrere Generationen investierten viel Herzblut und Leidenschaft, um das Unternehmen erfolgreich zu machen – doch nun kämpft das Osnabrücker Modegeschäft Dreier & Horstmann ohne ein eigenes Verschulden ums Überleben. Für die Familie Horstmann eine alles andere als leichte Zeit, wie sie den Oberbürgermeister bei seinem Besuch am Goethering wissen lässt.


Brief als Hilferuf an den Oberbürgermeister persönlich

Irgendwann sind die Akkus leer, die Reserven aufgebraucht und die Nerven liegen blank – nicht anders sah es Anfang März bei Kerstin Horstmann aus. Obwohl sie selbst nicht im Laden tätig ist, erfuhr sie täglich aus erster Hand von den Sorgen ihres Mannes und ihres Schwiegervaters, die das Unternehmen führen. Ihr Modegeschäft, das seit 1936 Osnabrücker mit Kleidung ausstattet, ist von der Corona-Pandemie hart getroffen worden. Zwischenzeitlich war wenigstens Terminshopping erlaubt – wegen zu hoher Inzidenzzahlen in der Stadt Osnabrück aber nur sehr kurz. Und auch der Osnabrücker Schnelltest-Shopping-Vorstoß wäre Dreier & Horstmann nicht zugute gekommen, selbst wenn er hätte verwirklicht werden dürfen: Der Laden liegt zwar im Stadtteil Innenstadt, nicht aber in dem Bereich rund um die Große Straße, in dem der Einzelhandel für negativ Getestete öffnen sollte.

Im Jahr 1951 entstand das neue Geschäftshaus von Dreier & Horstmann Moden am Goethering in Osnabrück, und der ehemals als Großhandel ausgelegte Betrieb wurde mehr und mehr zum Einzelhandelsgeschäft.

Nach monatelanger Corona-Zwangspause war und ist der Frust der Familie groß. Getrieben von Perspektivlosigkeit, finanziellen Nöten und Frust entschied sich Kerstin Horstmann dafür, einen Brief zu verfassen. Adressat: der Oberbürgermeister. “Ich musste all meine Gedanken einfach loswerden”, sagt Horstmann im Rückblick – und neben ihrem Mann und ihrem Schwiegervater hört, live und in Farbe, Wolfgang Griesert zu, der den Brief zu Anlass genommen hat, bei Dreier & Horstmann vorbeizuschauen.

       

Voller Laden, aber keine Kunden

Bei einer Führung durch die Räume erfährt das Stadtoberhaupt viel über die Geschichte des Traditionsunternehmens. Nach Eröffnung des Laden 1936 an der Möserstraße übernahmen in den Achtzigerjahren Ansgar Horstmann und Hans-Uwe Dreier-Landwehr das Geschäft. Mittlerweile ist mit Olaf Horstmann die dritte Generation im Familienbetrieb tätig.

Obwohl es viel über die Vergangenheit zu sagen gäbe, dreht sich beim Besuch des OB eigentlich alles um das hier und jetzt – und somit um Corona. Wie ernst die Lage der Einzelhändler in der Pandemie ist, machen die Horstmanns im Gespräch immer wieder deutlich. Im Laden befinde sich Ware im Wert von zigtausend Euro, die nicht verkauft werden könne. Und man wisse nicht einmal, ob es sinnvoll sei, neue Ware zu bestellen, die dann möglicherweise ebenfalls liegen bleibt. Verzichte man aber auf die Bestellung, könne es sein, dass die Läden irgendwann wieder öffnen dürfen, den Kunden aber nichts Aktuelles angeboten werden kann. Ein hohes unternehmerisches Risiko also – und das in Zeiten, in denen es sowieso schon an die wirtschaftliche Substanz geht.

“Das bringt uns nichts. Dann sind wir nicht mehr da.”

Die Mitarbeiter von Dreier & Horstmann sind aktuell alle in Kurzarbeit, da es für sie schlicht keine Arbeit zu erledigen gibt. Juniorchef Olaf Horstmann bietet eine “One-Man-Show”, wie er sagt, er ist trotz geschlossenen Geschäfts an sechs Tagen in der Woche zu den gewohnten Öffnungszeichen im Laden, um Bestellungen entgegenzunehmen. Von „Click & Collect“, also dem kontaktlosen Verkauf von Ware auf Bestellung, könnten sie aber nicht leben, betonen die beiden Unternehmer.

Immerhin hätten sie Überbrückungshilfen nutzen können, um einen Onlineshop zu eröffnen. Doch ein Geschäft wie Dreier & Horstmann lebt viel mehr noch als andere von seinen Stammkunden, die zur persönlichen Beratung ins Geschäft kommen. “Unsere Kunden kommen aus Verbundenheit zu uns. Wir wissen, was die suchen. Und die wissen: bei uns werden sie ehrlich beraten”, nennt Olaf Horstmann das bewährte Erfolgsrezept, das in einer Pandemie plötzlich nichts mehr wert zu sein scheint.

Wann das, was Dreier & Horstmann ausmacht, langfristig wieder möglich sein wird, kann den Unternehmern aktuell niemand zuverlässig sagen. Und so wartet der 40-Jährige weiter in seinem Laden auf Anrufe – in der Hoffnung, dass bald alles anders ist. Als Griesert versucht, aufmunternde Worte zu finden, und sagt, dass die Pandemie im Oktober vermutlich überstanden sein wird, reagiert Olaf Horstmann mit klaren Worten: “Das bringt uns nichts. Wenn das noch so lange dauert sind wir nicht mehr da!”

Aus NOZ am 29.04.2021

https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/2294900/traditionsunternehmen-dreier-und-horstmann-knabbert-schwer-an-der-corona-krise